Ganzheitliche Anlagenbetreuung – Sicherstellen stabiler Prozesse

Total Productive Maintenance ist fast ein Klassiker – und doch hängt es von den einzelnen Unternehmen ab, wie dieses methodische Programm praktisch umgesetzt wird. Und natürlich kommt es hierbei darauf an, wie die Instandhaltung in ein Unternehmen eingebunden ist und welche Rahmenbedingungen einer betriebsinternen Instandhaltung vorgegeben sind. Frieder Mathis kennt die Anforderungen an eine wirkungsvolle TPM aus Konzernsicht – als Leiter Technischer Service der Daimler AG im Werk Mannheim.

Herr Mathis, verstehen Sie TPM im Sinne von Total Productive Maintenance, Total Productive Manufacturing oder Total Productive Management?

Wir verstehen TPM im Sinne von Total Productive Maintenance. TPM, bei uns GAB – Ganzheitliche Anlagenbetreuung – genannt, ist in unserem Produktionssystem im Subsystem „Stabile Prozesse“ verankert.

Wie definieren Sie die Schwerpunkte Ihrer ganzheitlichen Anlagenbetreuung?

Wir haben ein Vier-Stufen-Modell für GAB. In den ersten beiden Stufen geht es darum die Mitarbeiter zu schulen, Ordnung und Sauberkeit als Grundbasis herzustellen und die Wartungspläne mit Leben zu befüllen. In der 3. Stufe geht es um Optimierungen und in der 4. Stufe um die „autonome“ Instandhaltung. Da wir in den meisten Bereichen bereits die Stufen 1 und 2 implementiert haben, geht es jetzt darum, die Durchdringung in den Stufen 3 und 4 nach oben zu bringen.

Betrachten Sie die Anwender von Maschinen und Anlagen als „Mitarbeiter“ oder „Kunden“ einer internen Instandhaltung?

Weder noch – wir betrachten sie als Kollegen beziehungsweise als Partner im TPM-Prozeß.

… und wer verantwortet deren Aktivitäten in der 4. Stufe der ganzheitlichen Anlagenbetreuung?

Für unser GAB-Modell ist insgesamt der Produzent, als Betreiber der Anlagen, verantwortlich und die IH ist „Unterstützer“. Natürlich hat jeder seine spezifischen Aufgaben und dafür trägt er auch die Verantwortung.

Verstehen Sie die Aktivitäten Ihrer Instandhaltung als Dienstleistungen?

Die Instandhaltung ist ein interner Dienstleister und muss leistungsfähig sein. Deshalb werden die Instandhaltungsumfänge immer wieder über Benchmarks auf ihre Leistungsfähigkeit überprüft.

Inwieweit stützt sich Ihre ganzheitliche Anlagenbetreuung auf die Prinzipien des Total Cost of Ownership (TCO)?

TCO ist bei uns eingeführt und seit einigen Jahren Standard. Wir kennen aber auch die Grenzen der sinnvollen Anwendbarkeit von TCO und nutzen TCO deshalb sehr zielorientiert. In unserem Werk in Mannheim arbeiten wir mit unseren Maschinenpartnern seit Jahren sehr eng zusammen und TCO ist eine feste Größe bei unseren Optimierungsmaßnahmen.

Was begrenzt den sinnvollen Einsatz von TCO?

Zum einen der Anschaffungspreis einer Anlage, denn für Kleinanlagen macht der Aufwand keinen Sinn. Weiterhin ist die Art des Betriebs einer Anlage ein Faktor. Wenn sich permanent die Rahmenbedingungen für Bauteile, Werkstoffe, Belastung oder Umbauten ändern, wird es schwierig, TCO umzusetzen – die Datenbasis, die im Vorfeld festgelegt wird, passt dann nicht mehr.

Umfasst Ihre ganzheitliche Anlagenbetreuung auch die Anwendung von Maschinen und Anlagen?

Der Anwender wird als Produzent durch die GAB-Schulungen qualifiziert. Er ist durch die Übernahme von planbaren, vorbeugenden Instandhaltungsumfängen in das System integriert. Hierdurch entsteht eine Sensibilität wie er „seine“ Maschine fahren muß, um möglichst den besten und stabilsten Betrieb zu ermöglichen. Dazu fällt mir eine Frage ein: „Wie wird jemand mit einem Auto fahren, das geliehen ist – beziehungsweise mit seinem eigenen, für das er lange gespart hat?“ Ich glaube, die Antwort ist relativ einfach.

… und wie sensibel geht ein Produzent mit einer Maschine um, deren Instandhaltungskosten durch eine TCO-Vereinbarung gedeckelt sind?

Über TCO ist ja nicht der komplette Umfang gedeckelt und bei nachweislichem Fehlverhalten ist der Lieferant nicht haftbar zu machen. Weiterhin müssen wir bei TCO-Anlagen unsere Wartungsumfänge sauber abarbeiten und dokumentieren. Würden wir das nicht machen, könnte der Lieferant die Kosten ablehnen.

Daimler stellt seit 2012 das Ersatzteilmanagement auf den Prüfstand – inwieweit betrifft dieses Audit auch die ganzheitliche Anlagenbetreuung?

Wir stellen immer alles auf den Prüfstand und hinterfragen unsere Aktivitäten. Deshalb ist auch das Ersatzteilmanagement davon betroffen. Es ist wichtig, regelmäßig die Strategie der Ersatzteilbeschaffung zu aktualisieren. Insbesondere in der Elektronik ist der Produktwechsel und somit die Ersatzteilverfügbarkeit so schnelllebig – da ist es wichtig, am Ball zu bleiben.

Damit das Ersatzteilmanagement nicht ausufert, vermeiden Produktionsbetriebe in der Regel einen „Anlagenzoo“ – wie sehen Sie das?

Wir haben Standardlastenhefte und bewährte Partner. Um den Wettbewerb aufrecht zu halten und neue Technologien beziehungsweise Ansätze nicht auszuschließen, lassen wir allerdings Wettbewerb zu.

Inwieweit kann die Optimierung eines Maschinenparks die Investition in neue Maschinen beschränken?

Durch Optimierungen können Investitionen begrenzt oder vermieden werden. Wenn durch eine Verbesserung des OEE – beispielsweise der technischen Verfügbarkeit oder Taktzeit – eine Maschine deutlich mehr Teile produziert, kann möglicherweise auf eine Investition verzichtet werden. Denkbar ist auch, dass der Zeitpunkt einer Neubeschaffung später erfolgt, wenn die gestiegene Kapazität nicht mehr ausreicht.

Was sind die wichtigsten Kennzahlen Ihrer ganzheitlichen Anlagenbetreuung – und wie viele Kennzahlen beobachten Sie insgesamt?

Die wichtigsten Kennzahlen aus Sicht der Instandhaltung sind die technische Verfügbarkeit, Meantime to Repair [MTTR] und Meantime between Failure [MTBF] sowie die termingerechte, vorausschauende Instandhaltung [VI] und das Budget. Dazu kommen für unsere Führungskräfte noch eine Handvoll weiterer Kennzahlen, die aber nicht instandhaltungsspezifisch sind – wie etwa das Ideenmanagement.

Wenn man mehr von Ihnen über ganzheitliche Anlagenbetreuung erfahren möchte – welche Möglichkeiten bieten Sie an?

Hierzu eignet sich zum Beispiel die Instandhaltungstagung von IFC Ebert in Nürnberg, am 01.12.2015 – ansonsten einfach per E-Mail Kontakt zu Frieder Mathis aufnehmen.

Herr Mathis, herzlichen Dank für die instruktiven Einblicke in Ihre ganzheitliche Anlagenbetreuung.

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Ganzheitliche Anlagenbetreuung - Sicherstellen stabiler Prozesse
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Ganzheitliche Anlagenbetreuung steht für Total Productive Maintenance - dieses methodische Programm ist und bleibt ein wichtiges Tool, um die Prozesse der Instandhaltung abzusichern.
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