Ingenieure im Maschinenbau und Anlagenbau: Ausrichtung auf technische und kundenspezifische Serviceaspekte

Bestimmte Leistungen im technischen Umfeld erfordern den Einsatz entsprechend qualifizierter Ingenieure – es wird geforscht, entwickelt, konstruiert, beraten und einiges mehr. Ob solche Aktivitäten generell als Ingenieurdienstleistungen betrachtet werden können ist eine Frage der Definition und letztlich Ansichtssache. Jedenfalls beinhalten die Leistungen eines Ingenieurs mehr denn je auch servicespezifische Gesichtspunkte, die sich sowohl systemimmanent als auch im Produktbetrieb widerspiegeln. Wir befragen hierzu Hartmut Rauen, der am wachsenden Bedarf an Ingenieuren im Maschinen- und Anlagenbau keinen Zweifel hat. Hartmut Rauen ist Mitglied der Hauptgeschäftsführung im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA).

Herr Rauen, was macht einen Ingenieur für den Maschinen- und Anlagenbau unentbehrlich?

Sein Know-how, denn bei der Entwicklung von neuen Produkten spielt der Ingenieur in der Industrie eine maßgebliche Rolle, insbesondere in der Investitionsgüterindustrie. Ganz besonders gilt das vor dem Hintergrund immer spezifischer erwarteter Produkte und Systemlösungen, für die der deutsche Maschinen- und Anlagenbau weltweit anerkannter Lösungsgeber ist. Hierzu braucht es Expertenwissen, das ist das entscheidende Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb.

Welche Rolle spielen hierbei die Experten potenzieller Kunden?

Die Experten auf Kundenseite spielen eine entscheidende Rolle, da sie das Anforderungsprofil vermitteln, das es anschließend durch Beratung und Ingenieurleistungen zu erfüllen gilt. Daher ist es wichtig, dass auf beiden Seiten kompetente Akteure zu finden sind, die den Workflow konstruktiv und effektiv gestalten.

Inwieweit muss ein Ingenieur – unabhängig von seinem Arbeitsbereich – den Servicegedanken verinnerlichen?

Ingenieurleistungen und technische Produkte, beziehungsweise Systeme, können nicht isoliert von der alltäglichen Lebenswelt gedacht werden. Das bedeutet, dass ein Ingenieur die Anwendung und Nutzung stets mitdenken muss. Der Servicegedanke steckt in diesem Konzept mit drin, denn Anwendung und Nutzung beinhalten technische und kundenspezifische Serviceaspekte gleichermaßen. Hierbei geht es um „Menschen und Maschinen“. Abgesehen davon ist der Servicegedanke eng mit einer inneren Haltung verbunden – wer diese Haltung pflegt, wird sich von der Masse erfolgreich abheben.

Werden solche zentralen Anforderungen in den klassischen Studiengängen für Ingenieure ausreichend vermittelt?

In diesem Punkt hat sich bereits viel getan: Softskills sind als wichtiges Qualifikationsmerkmal an den Hochschulen unstrittig. Fakt ist aber auch, dass nicht alle Themen zum Standard im Studium werden können. So kann zwar servicegerechtes Konstruieren gelehrt und vermittelt werden – Servicehaltung braucht hingegen Praxiskompetenz. Und diese kann man nicht „erlesen“, man muss sie „erfahren“.

Der Bedarf an Ingenieuren, um komplexe Maschinen und Anlagen zu realisieren, ist deutlich geringer als der hieraus resultierende Bedarf an Ingenieuren für den After Sales Service. Sehen Sie das auch so?

Das Bild ist differenzierter zu sehen: Der Bedarf an Maschinenbauingenieuren ist hoch, zugleich nimmt die Bedeutung an Ingenieurdienstleistungen zu. Der VDMA führt alle drei Jahre eine Ingenieurerhebung durch, zur Beschäftigung und zu dem Bedarf an Ingenieuren im Maschinen- und Anlagenbau. Im Oktober 2013 wurde die aktuelle Version der Erhebung veröffentlicht, und die Fakten daraus sprechen für sich.

Was sind die Eckdaten dieser Erkenntnisse?

Im Durchschnitt des Maschinen- und Anlagenbaus geht fast die Hälfte aller Ingenieure einer Tätigkeit im Bereich „Forschung – Entwicklung – Konstruktion“ nach. An zweiter Stelle folgen – mit einem deutlichen Abstand – Vertriebsaufgaben als Tätigkeitsschwerpunkt. Die Anzahl an Ingenieuren mit Dienstleistungsaufgaben hat im Vergleich zu früheren Erhebungen zugenommen – dieser Tätigkeitsschwerpunkt liegt an dritter Stelle in der Erhebung. Interessant sind zudem die Ergebnisse aus der VDMA-Erhebung, was den Einstellungsbedarf nach Unternehmensbereichen betrifft. Demnach sehen 78% der befragten Unternehmen einen Bedarf an Ingenieuren im Bereich „Forschung – Entwicklung – Konstruktion“; mit 57% folgt der Bereich Vertrieb, mit 23% die Auslandstätigkeit und mit 22% die Produktion; schliesslich sehen 17% der Firmen bis 2015 Bedarf in Dienstleistungen und 13% in der Materialwirtschaft. Kurzum: Der Ingenieurbedarf ist unverändert hoch.

Viele Produktionsbetriebe legen Wert auf betriebsintern etablierte Ingenieurdienstleistungen oder nutzen die Ingenieurdienstleistungen herstellerunabhängiger Unternehmen. Wie beurteilen Sie die entsprechende Wettbewerbsfähigkeit der Hersteller von Maschinen und Anlagen?

Produktbegleitende Ingenieurdienstleistungen sind für die Hersteller im Maschinen- und Anlagenbau grundsätzlich ein wichtiges Thema. Denn die ganzheitliche und systematische Betrachtung von Produkten und deren Verwendungskontext ist als Geschäftsfeld attraktiv und zukunftsorientiert. Hersteller, die sich in diesem Sinne gut aufstellen, stärken ihre Chancen und Position, insbesondere im internationalen Wettbewerb. In diesem Kontext sind auch die Forschungsvereinigungen der industriellen Gemeinschaftsforschung zu erwähnen. Viele Unternehmen nutzen dieses Umfeld, um ihre eigenen F+E Aktivitäten zu ergänzen. So sind beispielsweise in der „FVA Forschungsvereinigung Antriebstechnik“ rund 200 Unternehmen engagiert, die in über 200 laufenden Forschungsprojekten gemeinsam aktiv sind. Sie entwickeln unter anderem Berechnungsdaten, die in der Software FVA Workbench © ihren Niederschlag finden.

Der VDMA versucht seit geraumer Zeit, das Servicegeschäft seiner Mitglieder anzukurbeln. Wie differenziert beobachtet der VDMA vor diesem Hintergrund die diversen Tätigkeitsbereiche zunehmender Ingenieurdienstleistungen?

Der VDMA setzt sich intensiv mit dem Thema der Ingenieurdienstleistungen auseinander, beispielsweise im Rahmen der VDMA-Ingenieurerhebung oder im Dialog und themenspezifischen Workshops mit Hochschulen und Unternehmen. Darüber hinaus ist das Thema in den Weiterbildungsangeboten des Maschinenbau-Institutes präsent. Das zum VDMA gehörige Institut bietet Seminare, Lehrgänge, Tagungen und Kongresse sowie firmenindividuelle Schulungen an.

Herr Rauen, herzlichen Dank für Ihre informativen Stellungnahmen zu Ingenieurleistungen im Maschinen- und Anlagenbau.

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Ingenieure im Maschinenbau und Anlagenbau: Ausrichtung auf technische und kundenspezifische Serviceaspekte
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Interview mit Hartmut Rauen, der am wachsenden Bedarf an Ingenieuren im Maschinen- und Anlagenbau keinen Zweifel hat. Hartmut Rauen ist Mitglied der Hauptgeschäftsführung im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA).
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