Total Asset Management – Neue Standards für den Lebenszyklus von Anlagen

Ein Kerngedanke im technischen Service konzentriert sich sicherlich auf die Werterhaltung von Investitionsgütern. Gleichwohl gibt es unterschiedliche Wege und Konzepte, dieses Ziel zu erreichen. Mit dem Total Asset Management empfiehlt sich ein übergreifender Ansatz, den Lebenszyklus von Investitionsgütern kritisch zu begleiten. Prof. Dr. Lennart Brumby erkennt in diesem Ansatz einen aktuellen Trend, dessen Standards bereits in der ISO 55000 definiert sind. Professor Brumby ist Studiengangsleiter für das Service-Ingenieurwesen, an der  Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim.

Herr Brumby, Ihr Thema ist das Service-Ingenieurwesen – ist damit eine technisch hochqualifizierte Instandhaltung gemeint?

Ziel des Service-Ingenieurwesens ist die Ausbildung von Service- und Instandhaltungsingenieuren mit hoher Fachkompetenz und Methodenkompetenz, zur Verfügbarkeitssicherung technischer Anlagen und Maschinen. Dabei können diese Service-Ingenieure sowohl in der Instandhaltung des Betreibers wie auch im After-Sales-Service des Herstellers oder im Industrieservice zum Einsatz kommen. In allen Fällen steht die umfassende Betreuung des Kunden und seiner Anlage im Sinne des „Total Asset Management“ im Vordergrund.

Welche Empfehlungen zur Verfügbarkeitssicherung sind von einem solchen Service-Ingenieur zu erwarten?

Die bei uns ausgebildeten Service-Ingenieure kennen unter anderem die aktuellen Möglichkeiten und Technologien zur Zustandsüberwachung und können deren wirtschaftlichen Einsatz bewerten. Außerdem sind sie geschult, in Sinne des Lean Service Verschwendung in den Prozessen zu erkennen und zu beseitigen.

… also „Servicecontrolling by Total Asset Management“ ?

Der Controlling-Gedanke wird mehr und mehr in die Fachabteilungen Einzug halten, die sämtliche Maßnahmen unter dem Aspekt der Wertsteigerung beurteilen – selbststeuernd und eigenverantwortlich. Im Total Asset Management ist diese Wertorientierung aber ein wichtiger Leitgedanke.

Favorisieren Sie den möglichst langfristigen Erhalt oder den möglichst frühzeitigen Ersatz technischer Systeme?

Mit dem neuen internationalen Standard ISO 55000 wird den Unternehmen ein systematisches Anlagenmanagement empfohlen. Asset Management umfasst dabei alle koordinierten Tätigkeiten eines Unternehmens mit dem Ziel der optimalen Wertschöpfung mit ihren Anlagen. Insofern geht es weniger darum, Anlagen möglichst lang- oder kurzfristig zu erhalten, sondern den gesamten Lebenszyklus der Anlagen – von der Planung und Entwicklung bis zum Betrieb und zur Obsoleszenz – optimal zu planen und zu steuern.

Wie dominant erscheint Ihnen der Einfluss der sogenannten „geplanten Obsoleszenz“ auf den Lebenszyklus?

Mit dem Begriff der „geplanten Obsoleszenz“ wird oftmals den Herstellern unterstellt, die Lebensdauer ihrer Produkte gezielt zu verkürzen. Letztlich ist dies jedoch nur ein Ergebnis der präziseren Dimensionierung von Anlagen im Rahmen des Entwicklungsprozesses. Die Anlagenbetreiber sind in diesem Zusammenhang aufgefordert, bei der Formulierung ihrer Lastenhefte konkrete Vorgaben über die benötigte Nutzungsdauer der Anlage zu treffen. Gleichzeitig sollte ein proaktives Obsoleszenzmanagement mit Blick auf den gesamten Anlagenlebenszyklus installiert werden.

Wie beurteilen Sie das zweifellos gewinnorientierte Ersatzteilgeschäft der Hersteller und Dienstleister?

Natürlich versuchen Hersteller mit ihren Ersatzteilen Gewinn zu erzielen, das ist ihr gutes Recht. Als Kunde muss man die Höhe der Ersatzteilkosten bei seiner Investitionsentscheidung mit einfließen lassen und so sämtliche Life-Cycle-Costs berücksichtigen. Zusätzlich sollte man sich proaktiv für ausgewählte Ersatzteile um eine „Second Source“, also um eine Beschaffungsalternative bemühen. Dann stellt auch das gewinnorientierte Ersatzteilgeschäft der Hersteller kein Problem für die Betreiber dar.

Wird die Nutzungsdauer von Anlagen statistisch erfaßt?

Für einzelne Branchen oder Objekte mag es Statistiken zur Nutzungsdauer geben. Jedoch halte ich die Aussagekraft für die Beurteilung einer individuellen Anlage für begrenzt.

Inwieweit lässt sich der Lebenszyklus von Anlagen mehrfach verlängern – was spricht dagegen?

Dass mit zunehmendem Alter einer Anlage deren Instandhaltungskosten steigen, ist allgemein bekannt. Die Wirtschaftlichkeit einer „den Lebenszyklus verlängernden Maßnahme“ muss aber individuell auf Basis der Life Cycle Costs bewertet werden.

… kein Problem für Betreiber, die ihre Life Cycle Costs über eine TCO-Vereinbarung deckeln – wie sehen Sie das?

TCO-Vereinbarungen sind ein Weg, die Lebenszykluskosten zu beherrschen. Gerade in der Automobilindustrie wird dieser Ansatz sehr intensiv verfolgt. Es ist dabei jedoch zu beachten, dass die TCO-Vereinbarung für beide Parteien – Betreiber und Hersteller – eine faire, partnerschaftliche Basis bietet und beispielsweise der Lieferant sich nicht durch die TCO-Vereinbarungen erpresst fühlt. Auch ist zu beachten, wie die Erfassung der TCO-Kosten beim Betreiber mit möglichst geringem Aufwand erfolgen kann. Auch hier ist eine Aufwand-Nutzen-Abwägung erforderlich.

Zur Optimierung der Wertschöpfung empfiehlt sich auch die „Total Productive Maintenance“- mit welchem Stellenwert ?

Der ursprünglich bei Toyota entwickelte TPM-Ansatz hat in den letzten Jahrzehnten viele Weiterentwicklungen erfahren. Mit Inkrafttreten der ISO 55000 in diesem Jahr wird ein systematisches Asset Management gefordert, was sich auch in den praktizierten TPM-Ansätzen widerspiegeln wird. Das „Total Asset Management“ basiert auf TPM und erweitert es um zusätzliche Aspekte  – etwa um das auf Wert und Risiko orientierte Anlagenmanagement.

Sie betonen die ISO 55000 – ist eine entsprechende Zertifizierung für Betreiber, Hersteller und Dienstleister erforderlich?

Es ist davon auszugehen, dass auf der Grundlage der neuen ISO 55000 zum Asset Management bald entsprechende Zertifizierungssysteme angeboten werden. Die Frage dabei ist: Wer braucht oder fordert das? Folgende Szenarien sind beispielsweise denkbar:

  • Zum einen könnten unternehmensintern die Anteilseigner eines Produktionsunternehmens fordern, dass der eigene Betrieb ein wertorientiertes Anlagenmanagement einführt, das die optimale Wertschöpfung des eingesetzten Kapitals gewährleistet.
  • Zum anderen könnten im Rahmen der Finanzierung von Investitionsvorhaben – etwa in neue Produktionsanlagen – die kreditgebenden Banken fordern, dass als Kreditvoraussetzung das Produktionsunternehmen über ein systematisches Anlagenmanagement nach ISO 55000 verfügt – und damit eine höhere Kreditwürdigkeit besitzt.

Wenn man mehr von Ihnen zum Total Asset Management erfahren möchte – welche Möglichkeiten bieten Sie an?

Wir erarbeiten derzeit Konzepte für Lehrgänge zum Total Asset Management, in denen sowohl die Grundlagen des Asset Managements als auch spezielle Teilaspekte praxisnah vermittelt werden sollen. Interessierte Personen können sich hierzu gerne an mich wenden.

Herr Professor Brumby, herzlichen Dank für Ihre fundierten Erläuterungen.

 

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Total Asset Management - Neue Standards für den Lebenszyklus von Anlagen
Beschreibung
Total Asset Management ist die konsequente Umsetzung eines Kerngedankens im technischen Service. Mit der Werterhaltung von Anlagen gilt es, entsprechende Investitionsgüter so lange zu nutzen, wie es aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll erscheint. Die Standards hierzu sind in der ISO 55000 definiert.
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2 Gedanken zu „Total Asset Management – Neue Standards für den Lebenszyklus von Anlagen“

  1. Eine zertifizierte Implementierung der ISO 55000 ist für energieintensive Unternehmen (Bsp. Metallerzeugung, Papierindustrie, Chemie) bereits heute die Voraussetzung für die kostenfreie Zuweisung von CO2-Emissionszertifikaten.
    Eine bessere Energienutzung und somit die Reduzierung der spezifischen Verbrauchswerte wird in Zukunft stärker im Fokus stehen. Daher sind alle global agierende Industriebetriebe gut beraten, sich mit der ISO 55000 intensiv zu beschäftigen und diese in die Organisation zu implementieren. Auf die Instandhaltungsorganisation, als Querschnittfunktion für die Anlagenbereitstellung, von der Beschaffung bis zur Verschrottung (klassisch Anlagenwirtschaft), kommt damit eine weitere Herausforderung zu. Um geeignete Fach- und Führungskräfte zu erhalten, muß Instandhaltungsmanagement ein festes Ausbildungselement der klassischen Ingenieurausbildung werden.

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