Logistische Prozesse effizienter gestalten: Innovatives Tool demonstriert Probleme in der Lieferkette

Das FIR an der RWTH Aachen entwickelt mit Partnerunternehmen des Campus-Clusters Logistik einen Anwendungsfall, der Wege zu mehr Effizienz in der Logistik aufzeigen soll. Ein sogenannter Logistik-Demonstrator wird am Beispiel einer kundenindividuellen USB-Stick-Produktion vom 6. bis zum 10. März 2012 auf der CeBIT in Hannover vorgestellt. Wir fragen Herrn Matthias Deindl vorab, was es mit dem Logistik-Demonstrator auf sich hat. Matthias Deindl ist Leiter der Fachgruppe Informationstechnologiemanagement und Projektleiter Smart Objects InnovationLab, der in Zusammenarbeit mit Herrn Maik Schürmeyer, als Projektleiter ERP InnovationLab, den Logistik-Demonstrator konzipiert und gestaltet hat.

Herr Deindl, worauf beruht Ihre Annahme, dass logistische Prozesse nicht effizient genug ablaufen?

Unternehmen in Wertschöpfungsnetzwerken stehen vor einer ganzen Reihe an Herausforderungen: wie volatile Bedarfe, verkürzte Liefer- und Durchlaufzeiten, reduzierte Fertigungstiefe, konjunkturelle Schwankungen, verkürzte Produktions- und Innovationszyklen sowie steigende Produktkomplexität und Variantenvielfalt. Nicht integrierte IT-Systeme und heterogene und inkonsistente Stammdaten verursachen im Unternehmen eine Vielzahl von Problemen.

Können Sie diese Probleme etwas konkretisieren?

Unzuverlässige und nicht aktuelle Kennzahlen, unbekannte Bestände, zeitversetzte Engpässe und Störungen, sowie hohe Such- und Verarbeitungsaufwände für Informationen führen zu einem insgesamt intransparenten Auftragsabwicklungsprozess. Auch der zwischenbetriebliche elektronische Datenaustausch (EDI) bietet deutliches Verbesserungspotenzial. Die erforderlichen Technologien für den reibungslosen Nachrichtenaustausch sind zwar verfügbar; es fehlt jedoch an Standardisierung und übergreifenden Konzepten, um diese gewinnbringend einzusetzen. Die Folge sind hohe Bestände, mangelnde Liefertreue oder der sogenannte „Bullwhip Effekt“, durch den sich Bestellschwankungen in vorgelagerter Richtung der Lieferkette aufschaukeln.

Und worauf führen Sie diese Probleme zurück?

Ursache für die genannten Probleme sind Medienbrüche zwischen Informationssystemen, die durch einen Wechsel des Mediums einen durchgängigen Datenaustausch verhindern; und so Informationsverfälschung und eine Verlangsamung der Informationsbearbeitung verursachen. Ein Beispiel für einen Medienbruch ist die manuelle Eingabe von Informationen eines Lieferscheins in das Warenwirtschaftssystem im Wareneingang.

Ihr Logistik-Demonstrator wurde also konzipiert, um zu präsentieren, wie Medienbrüche zwischen logistischen Informationsprozessen vermieden werden?

Genau hier setzt der Logistik-Demonstrator an, den das FIR gemeinsam mit Partnerunternehmen des RWTH Aachen Campus-Clusters Logistik entwickelt. Der Logistik-Demonstrator bildet alle wesentlichen Schritte der Auftragsabwicklung ab: vom Auslösen des Kundenauftrags bis zur Rohwarenbeschaffung beim Zulieferer auf der dritten Wertschöpfungsstufe. Kernelement ist die Veranschaulichung der Verbesserung logistischer Prozesse durch sinnvolle IT-Unterstützung. Ziel ist es, das Potenzial innerbetrieblicher und überbetrieblicher Integration von Material- und Informationsflüssen aufzuzeigen. Am Beispiel der USB-Stick-Produktion können die Besucher der CeBIT 2012 die Auftragsabwicklung in all ihren Facetten schrittweise mitverfolgen. Neben Auto-ID-Technologien wie RFID, 1-D-Barcode oder Datamatrix unterstützen Sprachsteuerung und mobile Lösungen die effiziente Auftragsabwicklung.

Ihr Modellprojekt orientiert sich an Logistikprozessen der Produktionsplanung. Ist es auch übertragbar auf Logistik-Dienstleistungen?

Der Logistik-Demonstrator wird nach der CeBIT schrittweise erweitert. Im Fokus wird dabei die Einbindung von Logistikdienstleistern stehen, die als wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette eine effiziente Auftragsabwicklung unterstützen können. Durch die Einbindung in den Nachrichtenaustausch zwischen Lieferant und Kunde können die Lieferprozesse effizienter gestaltet werden.

Welche Ansatzpunkte haben sie definiert, die innerhalb eines Unternehmens relevant sind, um logistische Prozesse zu verbessern?

Unternehmensinterne Prozesse können durch die Verwendung von Auto-ID-Technologien, Sensorik sowie einer sprachgesteuerten mobilen Lösung verbessert werden. Prozessschritte, wie beispielsweise die Kommissionierung oder die Vereinnahmung und Einlagerung von Waren werden so vereinfacht. Die aus IT-Unterstützung resultierende, erhöhte Transparenz über Bestände wird dargestellt und in der realen Umgebung erlebbar gemacht. Es wird unter anderem gezeigt, wie die Hardware an ERP-Systeme verschiedener Anbieter angebunden werden können: also mobile Endgeräte mit Sprachsteuerung, RFID bzw. Barcode-Scanner in Verbindung mit SAP, PSI und Asseco.

Welche Ansatzpunkte haben sie unternehmensübergreifend, also entlang der Lieferkette definiert, die zu einer Verbesserung der Prozesse führen?

Durch die Anbindung der verschiedenen ERP-Systeme an eine Plattform zum elektronischen Datenaustausch werden Potenziale durch einen reibungslosen, zwischenbetrieblichen elektronischen Nachrichtenaustausch demonstriert: zu Lieferavis, Anfragen, Angebot, Bestellbestätigungen etc.; auf einem Leitstand werden Informationen zur Auftragsabwicklung entlang der Supply-Chain in Echtzeit abgebildet.

Und in Ihrem Logistik-Demonstrator sind diese Potenziale und Möglichkeiten bereits nachvollziehbar dargestellt?

Ja, eines der wesentlichen Ziele des Demonstrators ist es, komplexe Zusammenhänge und Lösungskonzepte der Logistik für interessierte Fachkräfte nachvollziehbar und erlebbar zu machen.

Bitte ergänzen Sie folgende Ansätze:

Ob eine komplexe, mehrstufige Lieferkette beherrscht wird, hängt insbesondere davon ab …
… wie konsequent die Transparenz entlang des Auftragsabwicklungsprozesses eingehalten wird; neben organisatorischen Fragestellungen der unternehmensübergreifenden Kooperation.

Das Logistik-Management in den Unternehmen muss vorrangig dafür sorgen…
…im globalen Netzwerk den horizontalen Material- und Informationsfluss zwischen Unternehmen und den vertikalen Material- und Informationsfluss innerhalb des Unternehmens bestmöglich zu synchronisieren.

Aus der Praxis resultierende, logistische Problemstellungen werden systematisch gelöst, indem…
… aus diesen praktischen Problemstellungen heraus, Anwendungsfälle im Bereich des Supply Chain Managements, der Instandhaltung sowie des Produktionsmanagements entwickelt und umgesetzt werden; und zwar in enger Zusammenarbeit von Industrie, ERP-Innovation-Lab, Service-Science-Innovation-Lab und den Partnern des Campus Cluster Logistik.

Herr Deindl, herzlichen Dank für Ihre informativen logistischen Erläuterungen.